Diese Kurzgeschichte erscheint in Fortsetzungen in der
Kreiszeitung der Partei
DIE LINKE - Lahn-Dill
,dem

In zeitlichem
Abstand können die einzelnen Folgen hier nachgelesen werden.
Dann eben mit
Gewalt
Von Reiner Kotulla
Alle Folgen
Monika Frenzen war das, was man eine
Frau nennt, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Und das waren
Beine, auf denen Mann gerne seine Blicke ruhen ließ.
Geil, dachte Heiko Mattes immer, wenn sie sie wie unbeabsichtigt zur
Geltung brachte, indem sie auf einem Sessel sitzend, ihre Füße im dafür
geeigneten Abstand voneinander auf den Teppich setzte.
Monika wusste, was sie wollte. Heiko sollte endlich seine Ausbildung zum
Bürokaufmann abschließen, eine gute Anstellung finden, sie heiraten und
mit ihr Kinder bekommen. Dafür war sie bereit sich mit allen ihr zur
Verfügung stehenden Mitteln einzusetzen. Bemerkte sie zum Beispiel Heikos
Erregung, reagierte sie, wie sie es in entsprechenden Filmen beobachtet
hatte.
Heiko war von ihr begeistert und manchmal, nach ein paar Bieren, im Kreise
seiner Genossen, gab er mit Monika an, indem er Facetten ihrer Geilheit
andeutete.
Monika war sich seiner Liebe ziemlich sicher, glaubte ihn in der Hand zu
haben. Manchmal nahm er sie mit zu einer Versammlung. Wenn dann doch
einmal das Gespräch von politischen Themen abwich, ließ sich Monika zu
Bemerkungen hinreißen, die eigentlich nicht ihren Interessen entsprachen.
So stimmte sie freudig zu, wenn Heiko einen Fußballstadionbesuch zum
Heimspiel von Eintracht Frankfurt organisierte. Anders, wenn es um eine
Demo gegen Neonazis ging. Dann erklärte Monika ganz offen: „Du willst
schon noch eine Zeit mit mir zusammenbleiben?, also lass mich bitte nicht
zu oft allein.“ Dann lächelte Heiko in die Runde, enthielt sich aber einer
Antwort.
Bürokaufmann wollte er werden, war schon im dritten Ausbildungsjahr. Ob er
auch eine Familie mit Kindern wollte, darüber war er sich nicht im Klaren.
Er glaubte zu wissen, dass Frauen danach strebten, rechnete Monika aber
nicht unbedingt zu denen, die auf nichts Anderes aus waren.
Also dachte er nicht weiter darüber nach, sondern konzentrierte sich auf
das für ihn Naheliegende. Seine Ausbildung wollte er so bald als möglich
abschließen, um sich um einen Job bei der Partei bemühen zu können. Bei
den Linken war er mehr oder weniger per Zufall gelandet. Ein Kollege hatte
ihn eines Abends mitgenommen zur Mitgliederversammlung. Das nächste Mal
war er von sich aus hingegangen.
Seine Eltern waren überzeugte Sozialdemokraten, die widerwillig zwar, aber
ohne groß zu protestieren Schröders Rechtskurs mitgegangen waren. Durch
die Diskussionen darüber zu Hause war Heiko informiert und registrierte
auf den Versammlungen der Linken, dass man dort eine andere politische
Richtung eingeschlagen hatte, eine Linkssozialdemokratische, wie manch
einer meinte. Doch es gab dort auch Andere. Genossen, die mehr wollten,
als nur Arzt am Krankenbett des Kapitalismus zu sein, wie sich einer von
ihnen ausdrückte.
Wenn Heiko Monika von diesen Diskussionen erzählte, hörte sie nur deshalb
zu, weil sie Heike nicht enttäuschen wollte, denn von Politik hielt sie
herzlich wenig. Schon in der Schule, hatte sie bei solchen Themen nur
auswendig gelernt, was der Lehrer von ihr hören wollte. Das sei
schließlich Männersache, sagte ihre Mutter oft zu ihr und nahm Monikas nur
ausreichende Noten, die die in den Fächern Politik und Geschichte nach
Hause brachte, mit einem Achselzucken hin.
Eines Abends hatten Mutter und Tochter beisammengesessen, Monikas Vater
hatte die Familie verlassen, da war das Mädchen gerade mal sechs Jahre
alt.
„Monika, ich sage dir eines, lerne einen Beruf, den du auch als Hausfrau
gebrauchen kannst.“
„Und das wäre, Mama?“
„Da gibt es verschiedene; Krankenschwester, Altenpflegerin oder
Kindergärtnerin.“
„Erzieherin, das wäre schon etwas, aber Altenpflegerin?“
Die Mutter hatte sie eine Zeit lang angeschaut, schien nicht zu wissen,
wie sie es erklären sollte.
„Ja weißt du, Monika, dein Vater war ein paar Jahre jünger als ich.“
„Ja und?“
„Na ja, da wollen sie bald eine Jüngere.“
„Das ist doch heute nicht mehr so, oder?“
„Doch doch, Monika, glaub´s mir, ein älterer Mann ist dir sicherer. Und
den musst du dann eines Tages pflegen können.“
Monika winkte ab, sagte nichts dazu. Glaubte sie doch zu wissen, wie man
einen Mann bei der Stange zu halten hatte. Da lächelte sie ob der
gedanklich gebrauchten Metapher.
„Du schaust, als hättest du schon einen im Auge.“
Von wegen im Auge haben, dachte sie. Am Abend zuvor, nach einem
Kinobesuch, hatte sie Heiko mit der Hand befriedigt, im Auto seines
Vaters. Der Film hatte sie beide erregt, und Monika wandte an, was auf der
Leinwand geschehen war. Doch anders als der Mann im Film hatte sich Heiko
nicht revanchiert, nach dem er gekommen war. Das nächste Mal zuerst ich
hatte sich Monika vorgenommen.
„Ja Mama, da ist jemand.“ Sie erzählte von Heiko, natürlich anderes als
das, woran sie gerade gedacht hatte.
„Wann stellst du ihn mir vor, mein Kind?“
„Demnächst, Mama.“
Doch dazu sollte es nicht kommen.
2. Folge
In dieser Nacht übernahm Monika die Führung. Heiko
folgte ihr bereitwillig. Rechzeitig unterbrach sie ihr Tun und stellte ihm
die entscheidende Frage. Mit Erfolg, Heiko willigte ein. Jetzt steht
unserer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege, dachte Monika und war
glücklich.
Noch lange blieb sie wach, konnte vor Aufregung und Gedanken an die
Zukunft nicht einschlafen. Liebevoll schaute sie Heiko an, der ruhig
atmend neben ihr schlief, ein entspanntes, zufriedenes Lächeln im Gesicht.
Ich werde dich noch lieben, wenn du eines Tages schnarchend neben mir
liegen wirst, dachte Monika, während sie sich ihre gemeinsame Zukunft in
den schönsten Farben ausmalte. Sie glaubte an Gott, begann zu beten, bat
den Herren darum, dass Heikos Gesundheit erhalten bleiben möge, dass er
ihr half, zuerst einem Jungen und danach einem Mädchen das Leben schenken
zu können. Vor ihren Augen entstand das Bild ihrer gemeinsamen Wohnung,
die sie hoffentlich bald beziehen, würden können. Über die Einrichtung des
Kinderzimmers schlief sie schließlich ein.
Am Morgen weckte sie Heiko, nachdem sie das Frühstück gerichtet, den Tisch
liebevoll gedeckt hatte. Um so erstaunter und enttäuschter war sie, als
Heiko auf ihren liebevollen Blick wie abwesend reagierte, an ihr vorbei
auf die gegenüberliegende Wand starrte.
„Was ist los, Heiko“, konnte sie sich nicht verkneifen, ihn zu fragen. Es
dauerte eine Weile, bis Heiko ihr seinen Blick zuwandte. „Erinnerst du
dich nicht mehr daran, was in der letzten Nacht gewesen ist?“
Zuerst wieder derselbe Blick, doch dann zog ein Lächeln über sein Gesicht.
„Doch schon war toll, die Nacht.“
„Du weißt schon, was wir verabredet haben?“ Langsam ergriff sie Unruhe,
doch noch verdrängte sie die in ihr aufsteigende Enttäuschung.
„Hilf mir auf die Sprünge, wo und wozu haben wir uns verabredet?“
Da verlor Monika ihre Beherrschung. Im letzten Moment zwang sie sich, cool
zu bleiben. „Heiko, wir werden heiraten und Kinder bekommen, eine Familie
gründen.“
Jetzt war es an Heiko, ungläubig dreinzuschauen. Eher vor Wut, als dass
sie ihm Zeit zum Nachdenken geben wollte, reagierte sie nicht sofort.
Heiko blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr, trank den Rest des
Kaffees aus und erhob sich mit der Bemerkung, dass er nun aber los müsse.
Am Abend könnten sie ja noch einmal über alles reden, schlug er ihr vor.
Völlig perplex, stocksteif, ihren Rücken an die Stuhllehne gepresst, saß
sie da, brachte kein Wort hervor. So saß sie immer noch, als Heiko etwa
zehn Minuten später, fertig angezogen, mit seinem Rucksack in der Hand, in
die Küche kam, ihr einen Kuss auf die Wange drückte, sich abwandte und
kurz darauf die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zog. Da erwachte sie
aus der Starre, griff nach der Kaffeetasse, aus der Heiko gerade noch
getrunken hatte, und schleuderte sie mit Wucht gegen die Tür, durch die er
gerade gegangen war. Was sollte sie jetzt tun und blickte unschlüssig auf
die Scherben, die über den Boden verstreut lagen.
Ordnung machen, entschloss sie sich, zuerst hier in der Küche und dann in
ihren Gedanken. Aufgeben?, nein das wollte sie so schnell nicht. Nicht
nach dem ersten gescheiterten Versuch. Mechanisch fegte sie die Reste von
Heikos Tasse zusammen, entleerte das Kehrblech in den Mülleimer. Dann
setzte sie sich wieder an den Tisch, vergegenwärtigte sich alle
Einzelheiten der vergangenen Nacht und des gerade stattgefundenen
gemeinsamen Frühstücks. Plötzlich überkam sie ein ungutes Gefühl, das sie
nicht zu deuten wusste. Warum hatte Heiko so zweideutig reagiert? In der
Nacht, kurz vor seinem Orgasmus die Zustimmung zu Ehe und Familie und dann
am Morgen diese Abwesenheit in seinen Augen. Ersteres glaubte Monika, sich
erklären zu können. Sie hatte davon gehört, dass Männer in dieser
Situation ihren Verstand verlieren können, nur um den Höhepunkt erreichen
zu können. Von einem Fall hatte sie gelesen, da hatte die Frau sich ihrem
Partner mehrmals hintereinander kurz vor dessen Höhepunkt der
geschlechtlichen Erregung entzogen. Schließlich war sie aus dem Bett
gestiegen, hatte ihren Slip vom Boden aufgehoben und angezogen.
Fassungslos sah er ihr zu.
Schon wandte sich die Frau zum Sessel, wo der Rest ihrer Klamotten lag.
Doch plötzlich entledigte sie sich erneut ihres Höschens, stieg zu ihm ins
Bett und machte dort weiter, wo sie gerade eben aufgehört hatte. Dann, als
es wieder so weit war.
„Sag, dass ich dich umbringen darf, nach dem es dir gekommen ist.“
„Bitte, mach was du willst aber hör jetzt nicht wieder auf.“
„Lass uns auf diese Nacht anstoßen“, meinte er später. Sie führten ihre
Gläser aneinander, tranken und sahen sich dabei tief in die Augen,
So ähnlich musste es Heiko letzte Nacht ergangen sein, dachte Monika. Und
doch, da war noch etwas anderes, etwas was sie in seinen Augen gesehen
hatte. War das Angst?
Am Abend wartete sie vergebens auf Heikos Heimkehr.
3. Folge
In der Nacht des dreizehnten Tages nach seinem
Verschwinden steht Heiko an Monikas Bett, blickt auf seine schlafende
Freundin herab. Er bemüht sich, kein Geräusch zu verursachen, starrt wie
gebannt auf ihre geschlossenen Augen. Keine sechzig Sekunden vergehen, und
Monika schlägt ihre Augen auf. „Heiko!“
Er glaubt in ihren Augen ein Erschrecken, ja Angst zu erkennen.
„Monika, habe ich dich erschreckt?, das wollte ich nicht. Bitte
entschuldige.“
„Das hast du wohl – Mensch Heiko, wo warst du denn so lange und warum bist
du einfach so abgehauen?“
„Ach ja, das ist etwas kompliziert, sagen wir, ich habe gelernt.“
„Was ist daran kompliziert, wenn du für deinen Berufsabschluss gearbeitet
hast?“
„Nicht für den Beruf, Monika, eher politisch.“
Jetzt verstand sie gar nichts mehr, fühlte sich auch noch nicht so richtig
wach.
„Heiko komm, leg dich zu mir und lass uns morgen“, sie schaute auf den
Wecker, der auf ihrem Nachttisch stand, „äh heute Morgen darüber
sprechen.“
Heiko ist erleichtert, hat er sich doch ihr Wiedersehen anders
vorgestellt, mit einem Rauswurf gerechnet. Den Schlüssel, mit dem er ihre
Wohnungstür geöffnet hatte, hielt er immer noch fest umklammert in seiner
zur Faust geballten Hand, bereit ihn Monika zurückzugeben, wenn sie ihn
dazu aufgefordert hätte. Jetzt zog er seine Hand aus der Hosentasche,
beließ den Schlüssel dort.
Monika rückte auf die eine Seite des Bettes, während Heiko sich seiner
Klamotten entledigte, etwas umständlich, wie es Monika erschien, die ihn
aus den Augenwinkeln beobachtete. Wie damals, dachte sie, als sie später
am Frühstückstisch saßen, nur dass sie heute Nacht nicht miteinander
geschlafen hatten. Sie wollte ihn nicht drängen, wartete, dass er von sich
aus anfing zu reden. Heiko aß mit großem Appetit, hatte bald vier Brötchen
vertilgt.
„Dir scheint es zu schmecken“, bemerkte Monika lächelnd.
„Na ja, es ist schon eine Zeit lang her, dass ich das Letzte gegessen
habe.“
Dann begann er, zu erzählen. Von seinen neuen Genossen, die ihm endlich
die Augen geöffnet hätten. Er wisse nun, dass es darum gehen müsse, den
Kapitalismus auf den Schrotthaufen der Geschichte zu werfen. Dass die Zeit
reif sei, dafür.
Monika verstand nichts von dem, was er sagte, nur dass er plötzlich ganz
anders sprach, als früher. Da hatte er immer auf die Kommunisten in seiner
Partei geschimpft. Dass die ihm zu radikal seien, indem sie für die
Enteignung der großen Banken und Energiekonzerne waren.
„Weißt du Monika“, unterbrach er sie in ihren Gedanken und dabei blickte
er sie mit einer Entschlossenheit an, die sie bisher bei ihm nicht bemerkt
hatte, „ich werde meine alten Genossen davon überzeugen, dass wir endlich
losschlagen müssen.“ Wortreich erklärte er ihr die Notwendigkeit des
bewaffneten Kampfes, der jetzt und sofort geführt werden müsste.
Monika verstand von all dem nicht viel, ließ ihn aber reden, war froh, ihn
wieder bei sich zu haben.
Es folgten ein paar Tage, die Heiko schreibend verbrachte. Monika
verstand, dass er dabei nicht gestört werden wollte, hatte ihm einen Tisch
als Schreibtisch hergerichtet, kochte für ihn, wusch seine Sachen,
verhielt sich wie eine sorgende Ehefrau. Von Familie und Kindern sprach
sie in dieser Zeit nicht. Vier Wochen später verschwand er abermals.
Monika war beunruhigt, gerade weil sie ihn nicht mehr unter Druck gesetzt
hatte, so hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben. Verwundert stellte sie
fest, dass der Tisch, den sie ihm als Schreibtisch eingerichtet hatte,
völlig leergeräumt war. Sie suchte, fand aber nirgends einen Hinweis
darauf, woran er all die Tage gearbeitet hatte.
Im Kasten fand sie einen Brief, der an Heiko adressiert war. Die Sorge um
ihn ließ sie das Kuvert aufreißen. Zunächst ist sie enttäuscht darüber,
dass es sich nur um eine Einladung zur nächsten Mitgliederversammlung
seiner Partei handelte. Sie legte das Blatt auf seinen Schreibtisch, als
käme er wie gewohnt abends nach Hause.
Dann, am Tage der Versammlung, beschloss sie hinzugehen, in der Hoffnung,
dort auf Heiko zu treffen. Zu Beginn der Sitzung stellte sie sich als
Heikos Freundin vor, wunderte sich über sich selbst, dass sie so offen
über ihre Sorge um Heiko sprechen konnte.
Am Ende sprach sie ein Mann, etwa in Heikos Alter an, stellte sich ihr als
David Allert vor. „Ich glaube, ich sollte mit dir reden. Wie wäre es mit
einem Bier, in der Kneipe nebenan?“ Monika willigte ein, nahm kein Bier,
sondern einen Kaffee und wartete darauf, was David ihr zu sagen hatte.
Der redete nicht lange herum, sagte, was Monika schon wusste, dass sich
Heiko in der letzten Zeit stark verändert hätte. Man müsse endlich
losschlagen, und so weiter, und so weiter. Doch dann erfuhr sie etwas, was
ihr einen tiefen Stich versetzte. „Weißt du, dass Heiko wieder bei seiner
Mutter wohnt?“
Sie zögerte mit einer Antwort, sollte so tun, als wüsste sie Bescheid?
Nein, das würde David sofort als eine Lüge entlarven. Warum würde sie da
Heiko suchen? „Nein, das wusste ich nicht. Aber er wird seine Gründe dafür
haben.“ Jetzt bestellte sie sich doch ein Bier und dazu einen Wodka, den
hatte Heiko in letzter Zeit gerne getrunken.
4. Folge
Wieder zu Hause,
David Allert hatte Monika Frenzen mit seinem Auto gefahren, war an Schlaf
nicht zu denken. Warum, fragte sie sich, hat er kein Vertrauen zu mir, wo
ich doch alles für ihn getan habe. Sie rief sich die letzten Tage mit ihm
in Erinnerung, suchte nach Anzeichen für sein Verhalten. Doch so sehr sie
sich auch ihren Kopf zermarterte, sie fand keine Antwort auf ihre Fragen.
Spät in der Nacht schlief sie endlich ein. Wirre Träume ließen sie
mehrmals wach werden, und jedes Mal war sie froh darüber, dass es nur ein
Traum war. Einmal sah sie Heiko, wie er, eine Maschinenpistole in der
Armbeuge haltend, um eine Hausecke spähte. Kurz darauf lag Heiko neben ihr
im Bett und rief nach seiner Mutter – Albträume.
Wochen vergingen mit bangem Warten. Dann, an einem Morgen fasste Monika
einen Entschluss, den ihr die Ungewissheit diktiert hatte. Sie wird Heikos
Mutter aufsuchen. Zuerst wollte sie bei der Frau anrufen und nach Heiko
fragen. Doch was, wenn er selbst am Telefon war? Was sollte sie dann
sagen? War aber die Mutter am Apparat, wie würde die Monikas Verhalten
einschätzen? Dass sie Heiko nachliefe? Nein, dachte sie, von Angesicht zu
Angesicht klärt sich das besser.
Dann stand sie vor der Haustür. „Ruth Mattes“, war in ein Messingschild
eingraviert. Darunter der Klingelknopf. Kurz entschlossen drückte sie ihn.
Es dauerte eine Zeit lang, bis sich die Tür öffnete. Vor Monika Frenzen
stand eine Frau, etwa fünfundvierzig Jahre alt, sportlich gekleidet mit
Jeans und Sweatshirt, mittellanges Haar, das ihr etwas breites, doch nicht
grob wirkendes Gesicht einrahmte, auf dem ein höfliches Lächeln lag.
„Ich bin Monika Frenzen“, stellte sie sich vor, „und möchte mit Ihrem Sohn
sprechen.“
Erstaunen machte sich auf dem Gesicht von Heikos Mutter breit. „Ich – ich
dachte, Heiko ist bei Ihnen?“
Jetzt war es an Monika, verblüfft dreinzuschauen. „Kommen Sie doch bitte
herein“, forderte sie Frau Mattes auf. Sie führte sie in ein Zimmer,
offensichtlich das Wohnzimmer. „Bitte, nehmen Sie doch Platz, möchten Sie
eine Tasse Kaffee?“
„Machen Sie sich bitte keine Umstände, ich …“
„Hab grad welchen gekocht“, unterbrach sie Frau Mattes.
„Ja, dann gerne.“
Ruth Frenzen verließ das Wohnzimmer, und Monika nutze die Zeit, sich ein
wenig umzuschauen. Das Zimmer machte auf sie einen gemütlichen Eindruck.
Teppiche mit bunten Mustern auf dem braunen Holzfußboden, Sofa und Sessel
stoffbezogen, mit farblich dazu passenden Kissen versehen, ohne den mit
der Handkante eingeschlagenen Knick, wie sie selbst ihn von sich zu Haus
kannte. Über einem ausklappbaren Schreibtisch gerahmte Fotos: Heiko als
Kleinkind auf dem Bobbycar, Heiko mit Schultüte, Heiko im
Konfirmationsanzug, es fehlte nur noch Heiko und sie selbst im
Hochzeitsstaat.
„Ja ja, der Heiko.“
Monika fuhr zusammen, hatte die Rückkehr der Frau nicht bemerkt. Die
setzte ein Tablett mit Kaffeekanne, Tassen, Milch, Zucker und einer Schale
mit Keksen auf den Tisch und verteilte die Tassen auf die beiden
Sesselseiten des Tisches. Sie bat Monika, Platz zu nehmen.
Ruth Mattes brach das Schweigen, als sie sich, mit einer Tasse in der Hand
in dem Sessel zurückgelehnt hatte. „Wie ich schon sagte, nahm ich an, dass
sich Heiko bei Ihnen aufhält. Er hat wenig gesprochen, in den letzten
Wochen. Von Ihnen sprach er immer voller Zuneigung. Ich glaube, dass er
Sie liebt. Hier lebte er aus seinem Rucksack und der alten Aktentasche,
die er von seinem Vater geerbt hat.“ Ruth Mattes stockte, als müsse sie
sich zusammennehmen, keine Gefühlregung zu zeigen. „Mein Mann ist vor drei
Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“
„Das tut mir leid, Frau Mattes.“ Monika wusste von dem Unfall seines
Vaters und kannte diese Tasche. Auch bei ihr zu Hause hatte er in ihr
seine Papiere gelagert.
„Hat er hier auch so viel geschrieben und alles sorgfältig weggepackt,
wenn er nicht mehr arbeitete?“
„Ja ja, das orangefarbene Schreibbuch hat er nie auf dem Tisch liegen
gelassen. Ich nahm an. Es sei ein Tagebuch und habe deshalb nicht
nachgefragt.“
„Wie bei mir, auch ich nahm an, dass er dort ganz Persönliches eingetragen
hat - seltsam.“ Eine Zeit lang saßen sie stumm.
„Wo mag er jetzt wohl sein“, brach Ruth Mattes das Schweigen.
„Irgendwie muss es wohl mit der Politik zu tun haben – keine Ahnung.“
Plötzlich setzte Monika ihre Tasse auf den Coachtisch ab, erhob sich und
trat vor die kleine Bildergalerie und sprach in Richtung der Fotos: „Ja,
ich liebe ihn und hoffe, auf seine baldige Rückkehr.“ Frau Mattes war
neben Monika getreten. Beide wandten sich gleichzeitig zueinander, sahen
die Tränen in den Augen der Anderen. In der Umarmung flüsterte Monika:
„Ich werde weiter nach ihm suchen.“
5. Folge
„David Allert?“
„Monika Frenzen, hallo David.“
„Hallo Monika, wie get´s?“
„Na ja, nicht besonders“, und sie erzählt kurz von ihrem Besuch bei Heikos
Mutter.
„Wo wir ihn doch immer für ein richtiges Muttersöhnchen gehalten haben.
Und jetzt weiß sie nichts über seinen Verbleib, seltsam.“ Genau David,
seltsam, das denke ich auch.“ Monika fragte nach dem Termin für die
nächste Mitgliederversammlung, wollte kommen, in der Hoffnung, wenigsten
etwas von Heiko oder von seinen neuen Genossen zu hören.
Erneute Enttäuschung. Keiner der Anwesenden schien etwas von Heiko gehört
zu haben. Auch von einer Gruppierung, „die endlich losschlagen wollte“.
wusste man nichts. Als man dann zur Tagesordnung überging, Kommunalwahlen
standen an, flüsterte David, der neben Monika saß, sie möge später draußen
auf sie warten.
„Weißt du“, meinte er zu Monika, die in seinem Auto neben ihm saß, „ich
habe in der Pause mit Michael gesprochen. Der scheint etwas zu wissen.
Deshalb hab ich mich mit ihm für morgen Abend im Harlekin verabredet, hab
ihn zu einem Bier eingeladen. Soll ich dich danach anrufen?“
„Aber ja, David, du kannst aber auch bei mir vorbeikommen. Ich koche uns
etwas, magst du Spaghetti?“
„Gerne.“
„Dann bereite ich alles vor.“ Monika wusste es von einer italienischen
Freundin, Spaghetti aglio olio gab es in so vielen Variationen, wie Pizza.
Außer Knoblauch und Olivenöl konnte man hinzugeben, was Gewürzkiste und
Kräuterbeet gerade so hergaben. Also öffnete sie ihren Küchenschrank und
stellte alles Mögliche auf die Anrichte neben dem Herd. Sie hatten
verabredet, dass er anrufen würde, trennte er sich von dem Genossen.
Seltsam, dachte Monika, als alles vorbereitet war, sie auf Davids Anruf
wartete, ich denke eher an den bevorstehenden Abend, als an die
eigentliche Ursache seines Zustandekommens. Sie fragte sich, warum sie
eigentlich nach Heiko suchte. Stimmte es, was sie seiner Mutter gesagt
hatte? War es doch Heiko, der sie verlassen hatte, als er zu seiner Mutter
gezogen war. Er hatte ihrem Wunsch nach einer eigenen Familie nicht
entsprochen. Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Grübeleien.
Erst vor ihrem Kleiderschrank stehend, wurde sie sich bewusst, dass sie
dabei war, sich für David umzuziehen. Dann läutete es an der Wohnungstür.
Ein letzter Blick in den Spiegel. Zu Jeans trug sie einen tief
ausgeschnittenen Pullover, der, und dazu musste sie sich nicht erst nach
vorne neigen, tief blicken ließ. Sie ließ ihn herein, geleitete ihn an den
Esstisch im Wohnzimmer. „Lecker“, meinte David, nachdem er, ohne den
Löffel zu gebrauchen, die erste Gabel aufgerollter Spaghetti probiert
hatte.
Der Sachverhalt war schnell erklärt: Während einer Demo im Frankfurter
Bankenviertel waren plötzlich Steine geflogen. Die Wetzlarer Linken hätten
sich von den Werfern distanziert, hätten sich an einer anderen Stelle des
Zuges eingereiht. Da habe man Heiko vermisst. „Ich hole ihn“, hatte
Michael den anderen zugerufen. Erst am anderen Tag habe er dem
Kreisvorstand berichtet, das er Heiko gesehen hatte, wie der einen großen
Pflasterstein in eine Schaufensterscheibe geworfen hätte. Kurz darauf sei
Heiko von zwei Polizisten abgeführt worden. Man habe Stillschweigen bis
zur Klärung des Sachverhaltes vereinbart, weshalb auch niemand auf der MV
etwas gesagt hätte. In der Nacht träumt Monika Unzusammenhängendes auch
von David. Was sie erregt hatte wusste sie nach dem Aufwachen nicht mehr.
Sex beginnt im Kopf, dachte sie danach. Wochen vergingen, während derer
sie immer seltener an Heiko dachte. David besuchte sie jetzt öfter. Sie
waren sich näher gekommen, an dem Abend, als sie ihm von ihrem Traum
erzählte.
Dann, an einem Morgen; David hielt ihr die Regionalzeitung wortlos hin.
Monika zuckte zusammen, als sie ihn auf dem Bild erkannte.
„Linksterrorist von Polizistenkugel getroffen“ und weiter: „Bei einer
Schießerei auf dem Hessentag in Stadtallendorf wurde der
zweiundzwanzigjährige Heiko M. von einem Polizisten, offensichtlich in
Notwehr, erschossen. Wie sich herausstellte, war Heiko M. der Anführer
einer linksterroristischen Organisation, die sich ‚Rote Volksarmee (L)‘
nennt. Das L steht für Linke. (…)“
Monika ließ das Blatt sinken, Sie ist so schockiert, dass sic sich nicht
in der Lage sieht, weiterzulesen. Heiko tot, und Erinnerungen an ihn
ziehen an ihrem inneren Auge vorbei. Der Rest des Textes interessiert sie
nicht.
Später erklärt ihr David, dass die Aktion, die Heiko das Leben gekostet
hat, ein herber Schlag für die gesamte Linke sei. Soll sie doch der
weithin in die Gesellschaft wirkende Beweis dafür sein, das die Linke
trotz gegenteiliger Beteuerungen, eine verfassungsfeindliche Organisation
ist und es gut sei, dass der Verfassungsschutz ein wachsames Auge auf sie
richtet. Nach einer Pause, mehr zu sich selbst: „Gäbe es diesen Anschlag
nicht, man müsste ihn erfinden.“
„Das verstehe ich nicht, David.“ Der denkt kurz nach und sagt: „ich auch
nicht, Monika.“
6. Folge und
Schluss
„Mein herzliches
Beileid, Frau Mattes.“ Monika traf Heikos Mutter im großen
Einkaufszentrum, gegenüber des Wetzlarer Bahnhofs. Sie umarmte die Frau
der direkt Tränen in die Augen traten. Nach ein paar belanglosen
Bemerkungen, als Monika sich schon von ihr verabschieden wollte: „Es gibt
da etwas, was Ihnen gehören soll, so war das sicher sein Wille.“
Sie öffnete ihre Handtasche und zog aus ihr ein kleines Buch hervor, das
Monika sofort als das orangefarbene Schreibbuch wiedererkannte, welches
Heiko nie hatte auf seinem Schreibtisch liegen gelassen. „Bitte nehmen Sie
es, ich glaube, er hat alles nur für Sie aufgeschrieben.“ Monika nahm das
Buch in ihre Hand, unfähig, etwas zu sagen. „Behalten Sie es, solange Sie
wollen. Sie wissen ja, wo Sie mich finden“, wandte sich um und ging. „Ach
so“, Frau Mattes war stehen geblieben. Monika trat an sie heran.“Der dicke
Brief trug keinen Absender, nur meine Adresse.
Am Abend, Monika war allein, David war zu einer Versammlung gegangen, und
sie hatte ihm noch nichts von dem dicken Brief erzählt, saß sie vor dem
Tisch, den sie Heiko seiner Zeit als Schreibtisch eingerichtet hatte. Vor
sich das orangefarbene Schreibbuch und ein Glas vom Roten, den auch Heiko
so gerne getrunken hatte.
Monika begann zu lesen und hörte erst nach seinen letzten Worten auf.
Einmal hatte sie unterbrochen, um sich ein zweites Mal das Glas zu füllen.
Im Tagebuchstil, persönlich das meiste. Ihre Beziehungsgeschichte aus
Heikos Sicht. Interessant, aber als verwertbare Erkenntnis zu spät.
Politisches im anderen Teil. Aufschlussreich die Eintragungen beginnend
bei der Steinwerfaktion, endend am Vorabend der tödlichen Schüsse:
„ (…) Ich hatte mich ein wenig von meinen Genossen entfernt, geriet in
eine Gruppe von schwarz gekleideten Demonstranten. Dort wurden Parolen
gerufen, die anders waren, als die Unseren: ‚Zeigt euch, ihr Verbrecher.
Eines Tages seid ihr drann. Dann haben wir die Waffen.‘
Plötzlich flogen Steine, und ich ließ mich hinreißen, einen aufzuheben und
ihn zu werfen. Glas splitterte, das Schaufenster einer Bankfiliale.
Ich war so erschrocken, dass ich stehen blieb. Kurz darauf spürte ich eine
Hand auf meiner Schulter: ‚Sie sind vorläufig festgenommen!‘ (…) Ich wurde
in einen Raum geführt; ein Tisch, vier Stühle. Zwei Männer betraten kurz
darauf das Verhörzimmer, stellten sich als Beamte des
Bundessicherheitsamtes vor.“
Mit wachsendem Interesse las Monika von den Einzelheiten der Befragung,
über die Heiko geschrieben hatte, dass das Ganze eher den Charakter eines
Gespräches, als eines Verhörs hatte. Schließlich das Fazit der Beamten und
deren Vorschlag: ‚Herr Mattes, Sie haben sich an einer Aktion
gewaltbereiter Terroristen beteiligt, haben Steine geworfen, sich Ihrer
Festnahme widersetzt und dabei einen unserer Beamten gefährlich verletzt.‘
Ich widersprach sofort, gab den Steinwurf zu, leugnete aber die von den
Beamten beschriebene Form meiner Festnahme. Sofort wich alle
Freundlichkeit aus den Gesichtern der Beiden. In scharfem Ton erklärte der
eine, der sich mir als Herr Meier vorgestellt hatte: ‚Herr Mattes, für
das, wessen wir Sie beschuldigen, gibt es genügend Zeugen, die in einer
Gerichtsverhandlung unter Eid aussagen würden.‘ Eine Zeit lang starrten
Sie mich nur an. Dann der andere, angeblich Herr Müller: ‚Herr Mattes,
hören Sie sich unseren Vorschlag an. Ich will vorausschicken, dass das,
was jetzt hier gesagt wird, unter uns bleibt. Sollten Sie in Erwägung
ziehen, etwas davon zu veröffentlichen, können Sie davon ausgehen, dass
wir alles abstreiten werden. Also unserer Vorschlag.‘ Ich kapitulierte,
gab mich geschlagen, hörte mir an, was sie von mir verlangten.
‚In Ihrer Partei gibt es sogenannte Zusammenschlüsse. Sie werden einen
Neuen gründen, der sich offiziell Sozialistische Aktion nennt.
Inoffiziell, vorerst nur Ihnen bekannt, den Namen trägt: Rote Volksarmee
(L), abgekürzt RVA (L). Versuchen Sie etwa zehn Gleichgesinnte zu finden,
die mit Ihnen der Meinung sind, dass eine sozialistische Revolution auf
der Tagesordnung der Geschichte steht. Argumentieren Sie mit Lenin und
seinen Merkmalen für eine revolutionäre Situation. Vermitteln Sie diesen
Genossen, dass man wenn notwendig, die politische Macht mit Waffengewalt
erobern müsse.
Wenn wir den Zeitpunkt für gekommen halten, erhalten Sie von uns die
nötigen Anweisungen und Mittel. Im Gegenzug garantieren wir Ihnen, dass
alle Ermittlungen gegen Sie eingestellt werden.‘
Was habe ich zu verlieren? Und doch hatte ich noch Bedenken: ‚Sie werden
mich bei dieser Aktion erneut festnehmen, und dann habe ich eine Waffe in
der Hand.‘
‚Herr Mattes, die Umstände Ihrer Festnahme bestimmen wir, das kennen Sie
doch schon.‘
Ich überlegte noch einmal – und willigte ein.
‚Herr Mattes, ab sofort sind sie ein freier Mann, haben seitens der Justiz
nichts mehr zu befürchten.‘ Ich lebe in einer kleinen Wohnung, die sie mir
besorgt haben, folge ihren Anweisungen und warte auf den Einsatzbefehl.
Liebe Mama, sollte mir etwas zustoßen, wird mein Tagebuch an dich versandt
werden. Gib es an Monika weiter. Sie soll entscheiden, was damit geschehen
soll.“
Monika saß immer noch an dem Tisch, den sie Heiko als Schreibtisch
eingerichtet hatte, als David nach Hause kam.
„Das dürfen wir nicht auf sich beruhen lassen“, meinte der, nachdem er
alles gelesen hatte. Da war es fünf Uhr, am Morgen.
Ende
Alle Rechte bei
Reiner Kotulla. Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Autors.